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Foto | Barbara Lavaud Enquete im Ministerium - Minister Buchinger mit den TeilnehmerInnen des Wiener Dialogs.

Jetzt die Ruhe bewahren

Gesellschaftspolitik

Die Sonntags-Allianzen in ÷sterreich, Deutschland und Polen wollen den freien Sonntag in der EU-Arbeitszeitrichtlinie verankern.

Die Tendenz zu prekärer Arbeits- und Lebenszeit stand heuer im Mittelpunkt des »Wiener Dialogs«, des Jahrestreffens der Handelsgewerkschaften Mittel- und Osteuropas. Im Rahmen dieses Treffens wurde bei einer Enquete über »Prekäre Zeiten« im Bundesministerium für soziale Sicherheit und Konsumentenschutz auch das Problem der Sonntagsarbeit erörtert.
»Der freie Sonntag stellt einen unverzichtbaren Beitrag zum Schutz der Beschäftigten dar. Besonders im Handel waren wir in den letzten Jahren mit einer ständigen Flexibilisierung der Arbeitszeit konfrontiert, die zulasten der ArbeitnehmerInnen ging. Wir wollen daher nun speziell die Sonntagsruhe schützen«, berichtet Franz Georg Brantner, Vorsitzender des Wirtschaftsbereichs Handel in der GPA-djp Wien.
»In Österreich arbeiten über eine halbe Million Beschäftigte im Handel, überwiegend Frauen, aber letztlich werden die Familien und in der Folge die Gesellschaft als solche in Mitleidenschaft gezogen, wenn der Sonntag als Tag der Ruhe und des Gemeinschaftslebens entfällt«, weiß Brantner.

Resolution für den freien Sonntag

Über 120 Personen nahmen an der Enquete der »Allianz für den freien Sonntag Österreich« und des BMSK teil. Der Höhepunkt war eine Resolution zur Aufnahme des freien Sonntags in die EU-Arbeitszeitrichtlinie. Sie wurde von den Allianzen für den freien Sonntag Deutschland, Polen und Österreich verfasst und von über 100 TeilnehmerInnen aus ganz Europa unterzeichnet. Zu den ErstunterzeichnerInnen zählen Franz Georg Brantner (GPA-djp), Bischof Ludwig Schwarz (Diözese Linz), Ulrich Dalibor (ver.di, Deutschland), Alfred Bujara (Solidarnosc, Polen), Alexandr Leiner (Handelsgewerkschaft »OSPO«, Tschechien) Dragica Miseljic (STH, Kroatien) und Katharina Kulandova (Handelsgewerkschaft »OZPOCR«, Slowakei).
Die Resolution betont, dass der freie Sonntag als gemeinsame Pause einen besonderen Beitrag zur Gesundheit der Menschen leiste: »Wir beziehen uns darin auch auf eine erst kürzlich von der EU-Kommission veröffentlichte Studie, wo festgestellt wird, dass die psychische Gesundheit der Menschen von Maßnahmen betroffen ist, die sich auf das Familienleben auswirken. Familienleben, das bedeutet soziale Beziehungen aufzubauen und zu pflegen. Dafür braucht es einen gemeinsamen Ruhetag«, erläutert Brantner.

Europäische Trends

Brantner sieht die Initiative der Sonntagsallianzen als längst notwendigen Vorstoß gegen einen negativen Trend: »Die Zahl der ›Sonntagserwerbstätigen‹ wächst Jahr für Jahr, die ›Rund-um-die-Uhr-Gesellschaft‹ kündigt sich an. Diese Entwicklung zeigt sich in vielen europäischen Ländern, aber parallel dazu formieren sich auch in ganz Europa Bündnisse und Bewegungen gegen die Sonntagsarbeit.«
»Wir befürchten in Österreich auch, dass die Sonntagszuschläge in anderen Branchen in Diskussion geraten würden, wenn im Handel die Sonntagsarbeit zum Normalzustand würde. Das wäre zum Nachteil für alle.«
Der freie Sonntag war auch bisher immer schon Thema bei den Treffen des Wiener Dialogs: »Dieses Jahr konnten wir als konkretes Ergebnis die Resolution verabschieden, um uns auf EU-Ebene Gehör zu verschaffen. Wir haben uns bereits an den EU-Abgeordneten Harald Ettl gewandt und werden auch die anderen europäischen Abgeordneten auffordern, unsere Forderung zu unterstützen«, beschreibt Brantner die Pläne der Bündnispartner.

Wer den Sonntag nicht ehrt

Die »Allianzen für den freien Sonntag« in Österreich, Deutschland und Polen sind breit angelegte Bündnisse aus Kirchen, Gewerkschaften und zivilgesellschaftlichen Organisationen:
In Polen engagiert sich hier vor allem die Solidarnosc. Aktionen im Handel haben dazu geführt, dass 2007 der Gesetzgeber beschlossen hat, 12 Feiertage im Jahr für ArbeitnehmerInnen einzuführen. Beflügelt durch diesen Erfolg wurde heuer eine Allianz für den freien Sonntag gegründet, deren Ziel ein Handelsverbot für den Sonntag ist. Mehr als 75 Prozent der polnischen Bevölkerung befürworten heute den arbeitsfreien Sonntag im Handel.
In Deutschland sind die Ladenöffnungszeiten Ländersache: »Wir hören immer wieder, dass in den Einkaufszentren Restaurants besser gehen als die Geschäfte. Die Deutschen haben einen hervorragenden Slogan entwickelt, mit dem sie in die Wahlen - ganz besonders in die kommenden Europa-Wahlen - ziehen: Wer den Sonntag nicht ehrt ist unsere Stimme nicht wert!«, erzählt Brantner von den Initiativen der Nachbarn.

Ziel ist EU-Recht

Bis zur Verankerung des Sonntags im EU-Recht liegt noch viel Arbeit vor den Bündnispartnern: »Wir wollen zuerst alle Länder des Wiener Dialogs ins Boot holen. Eine starke Bewegung für den freien Sonntag gibt es bereits in Slowenien. Dort wurde zur Sonntagsöffnung sogar schon ein Referendum abgehalten, bei dem sich die Menschen für den freien Sonntag aussprachen. Doch dieses Ergebnis wurde von der Regierung nicht umgesetzt.«
In Kroatien blieben die Geschäfte unter der alten, arbeitnehmerinnenfreundlichen Regierung sonntags geschlossen. Die neue neoliberale Regierung hat das nun gekippt. Auch hier sind viele Menschen unzufrieden.
»In den anderen Ländern des Wiener Dialogs, also in Tschechien, der Slowakei, Ungarn und Rumänien, gibt es derzeit fast keine Reglementierungen«, sagt Brantner. Die Gewerkschaften in diesen Ländern kämpfen oft mit dem Problem, dass es nur für Sonntagsarbeit gute Zuschläge gibt und daher die Mitglieder der Forderung nach Sonntagsruhe sehr ambivalent gegenüberstehen. »Die Menschen möchten in einer Branche, die ohnehin schlecht zahlt, die einzige Möglichkeit etwas mehr zu verdienen nicht verlieren«, gibt Brantner zu bedenken.
Ein anderes länderübergreifendes Problem ist das bei der Jugend so beliebte »Eventshopping«. Jugendliche sehen Shopping als coole Freizeitbeschäftigung, davon profitieren besonders die Einkaufszentren und machen massives Lobbying für die Sonntagsöffnung.
Insgesamt zeigt sich Franz Georg Brantner optimistisch und sieht die Resolution der Sonntagsallianzen als einen wichtigen ersten Schritt: »Ich vertraue auf die gute Zusammenarbeit der Gewerkschaften und Kirchen und auf die internationale Solidarität. Wir haben uns ein hohes Ziel gesteckt, wir werden es gemeinsam durchsetzen.«

Info&News
Kulturgeschichte des Sonntags
Die Siebentagewoche ist der Rhythmus, der seit ungefähr 4.000 Jahren das Leben vieler Völker prägt. Beim Arbeiten im »gleichen Takt« stellt der Sonntag die unverzichtbare Synchronisation dar. Dieser gemeinschaftsstiftende Tag, an dem alle zur Ruhe finden, ist fest in unserer Kultur verankert.
Der Sabbat der Juden und der Sonntag der Christen wurden zum Tag des Herrn, aber auch zum Tag der Gemeinschaft und der Versammlung. Als Kaiser Konstantin im Jahr 321 das Sonntagsgesetz erstmals staatlich verankerte, verbot er jegliche Arbeit mit Ausnahme der Feldarbeit. Im 19. Jh. stellte die industrielle Revolution den freien Sonntag mehr und mehr in Frage, und die Sonntagsruhe musste von der Sozialdemokratie und den Gewerkschaften erst wieder hart erkämpft werden.
Heute arbeiten bereits fast eine Million ÖsterreicherInnen zumindest gelegentlich am Sonntag. Der größte Teil der Sonntagserwerbstätigen fällt auf die Dienstleistungen in den Bereichen Beherbergungs- und Gaststättenwesen und Gesundheits- und Sozialwesen. Es arbeiten deutlich mehr Frauen an Sonntagen als Männer.

Info&News
Die »Allianz für den freien Sonntag Österreich« setzt sich für den Schutz des freien Sonntags vor schleichender Aushöhlung durch Wirtschaft und Politik ein. Sie will öffentliches Bewusstsein für den sozialen Wert gemeinsamer freier Zeit schaffen. Damit soll dem Trend entgegengewirkt werden, dass alle Lebenszeit zu Arbeits- und Konsumzeit wird. Der arbeitsfreie Sonntag findet in der Bevölkerung eine breite Zustimmung. Getragen wird dieses Bündnis aus 54 Mitgliedsorganisationen vom ÖGB und seinen Gewerkschaften sowie den Kirchen und Ordensgemeinschaften.

Weblinks
Österreich:
Allianz für den freien Sonntag Österreich
www.freiersonntag.at
Deutschland:
Allianz für den freien Sonntag Deutschland
www.allianz-fuer-den-freien-sonntag.de
Polen:
Allianz für den freien Sonntag Polen
www.solidarnosc.org.pl/handel 

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barbara.lavaud@gpa-djp.at
oder die Redaktion
aw@oegb.at

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